„Ruhe!!!“ schrie sie voller Wut und knallte mit der ringgeschmückten Hand auf den Glastisch. Ihre Eltern, die auf dem Sofa gegenüber saßen, sahen Sally mit weit aufgerissenen Augen an.
„Ich hab es nicht getan. Und meinen Bruder? Nein. Sicher nicht. Warum glaubt ihr mir denn nicht?“
Schweigen! Die bedeutungsvollen Blicke der Eltern ruhten auf ihrer pubertierenden Tochter.
„Was ist?“ fragte diese. „Verdammt noch mal, was ist denn? Erst schreit ihr mich zusammen- nein…“ Sie verbarg ihr tränenüberströmtes Gesicht in ihren eiskalten Händen.
„Nein, nein, nein…“
Hoffnungsvoll suchten Sallys Blicke das Wohnzimmer ab. Das Aquarium zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie schöpfte neue Kraft aus dessen beruhigendem Innenleben.
„Bitte, bitte, bitte. Ich tu alles, was ihr wollt, aber sagt es mir doch! Ich weiß von nichts.“
Hilfesuchend rang sie um Worte.
„Ähm… Ok, was hab ich heute getan. Nein, besser, gestern. Also… In der Schule war ja nichts Besonderes. Kein Test, keine Abfrage… Nö, sonst auch nichts. Oder?“
Sally überlegte verzweifelt.
„Nein. Gut. Besser gesagt… okay. Dann… Ich bin ganz normal mit dem Roller heimgefahren. Bin ich geblitzt worden? Nee, bin ja nur 45 gefahren. … Oder? … Ja. Hmm… Helm hatte ich auch auf. Dann… Ach Mann, helft mir doch.“
Der Hilferuf zerschellte an den steinernen Blicken der Eltern.
„Äh, ja. Also dann ging, also fuhr ich mit dem Roller in die Garage und ging normal heraus. Du“, Sally sah dabei ihrem Vater tief in die Augen, „wartetest ja schon auf mich. Dann bin ich einfach in die Küche gegangen, dann haben wir ja … Ach, das ist doch Schrott.“
Sie sprang aus dem Sessel auf und ließ sich sofort wieder hineinfallen.
„Nein? Doch nicht? Ach menno… Wo war ich? … Ja, dann hab ich Hausaufgaben gemacht, Film geschaut, Marion ist gekommen, und die war ja auch da bis, ja, wann ist sie weg, nee, ihre Mutter hat sie um zehn wieder abgeholt. Danach hab ich mich ja nur noch kurz abgeduscht und bin schlafen gegangen. Ja, wirklich. Die ganze Nacht durch. Bis heute früh um sieben der Wecker klingelte. Dann das übliche… Aufstehen, Bad gehen, duschen, anziehen, kurz das Honigbrötchen verdrücken, in die Garage, auf den Roller. Hab ich…? Nee, genau. Sonst war ich nirgends… Oder? ODER?“
Sally hielt es kaum noch aus. Da ihre Frage wiederum abprallte, führte sie ganz hastig ihren Monolog fort.
„Ja, dann, in der Schule. Da war ja die Latein Ex. Aber ich hab doch gestern ganz gut gelernt, und mein Bauch sagt mir… Ach, was soll’s… Egal, das könnt ihr ja noch nicht wissen. Und wir schreiben doch jede Woche eine. Und so schlecht bin ich da ja auch wieder net. Sonst war aber nix. Nee…? Stimmt. War nix. Dann wie gestern. Mit Roller heim. Bin doch gerade gekommen. Aber du hast nicht auf mich gewartet. Sonst war alles gleich… Nein, wartet! Die Türe stand offen. Genau! Gerade, als ich reinkam. Die Türe stand offen! Warum? WARUM?“
Wieder fing Sally zu schluchzen an.
„Ja… Der grausige Anblick. Alles rot. Die ganze Tapete hier! Was soll ich denn jetzt ohne euch machen? Was soll ich überhaupt noch machen?“
Sally beugte sich vor, sah ihre leblosen Eltern an und begann langsam zu erstarren.